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Begegnung mit sich und (dem) Anderen

Das Offene Atelier des Bezirkskrankenhauses Günzburg hat sich an einer Ausstellung „Einsichten – Aussichten“ im Günzburger Amtsgericht beteiligt. Seit Ende August sind an den Wänden des Justizgebäudes (Ichenhauser Straße) 40 Bilder zu sehen. Außerdem wird dort eine Skulptur gezeigt, die in der Ergotherapie gebaut wurde: ein „Seepferchen“ auf Sockel von Ralf Steger. Die künstlerischen Arbeiten stammen aus dem Offenen Atelier von Johannes Lorz. Unterstützt wurde er von Thomas Wohlwend von der Analytischen Kunsttherapie des BKH. Wohlwend erklärt den Unterschied: Während die Analytische Kunsttherapie an einer bildnerischen und sprachlichen Auseinandersetzung der Patientinnen und Patienten mit ihrer momentanen Situation interessiert ist, ist das Offene Atelier ein Freiraum für bildnerische Gestaltung. An diesem stützenden Angebot können interessierte Patienten des BKH und der Ambulanz teilnehmen. Es geht nicht darum, Kunst zu produzieren. „Dennoch werden in immer mehr Ausstellungen Arbeiten aus kunsttherapeutischen Zusammenhängen gezeigt, durchaus auch in Augenhöhe mit ,professioneller Kunst‘“, heißt es in der Ausstellungsbeschreibung.

In der Schau spielt Inklusion eine große Rolle. „Es geht sowohl in einem Offenen Atelier als auch im Amtsgericht um Begegnung: um Begegnung mit sich selbst und mit (dem) Anderen, und es sind im Kontext einer psychischen Krise oder einer Gerichtsverhandlung oft keine Wunschbegegnungen“, so die beiden Kunsttherapeuten Johannes Lorz und Thomas Wohlwend.  Wie bedeutsam die Kunsttherapie für die BKH-Patienten ist, verdeutlichen diese Zahlen: Von Januar 2015 bis Juni 2016 haben 1671 unterschiedliche Menschen an der Kunsttherapie teilgenommen: 937 Frauen und 734 Männer. In diesem Zeitraum seien 7909 „Therapietermine“ dokumentiert worden, hat Wohlwend ermittelt.

In der aktuellen Ausstellung im Amtsgericht werden 40 sehenswerte, sehr gelungene Arbeiten aus dem BKH gezeigt. Neben einigen großformatigen Bildern auf Leinwand und der beschriebenen Skulptur sind überwiegend kleinere Arbeiten auf Papier zu sehen, die untereinander in einem „sprechenden“ Kontext gehängt sind. Überraschende  Bezüge werden sichtbar – zwischen Landschaft, Linie, Gesicht und geometrischen Formen, zwischen Zartheit und existenzieller Dringlichkeit. Zwischendrin schwebt hier und da Humor.

Der Leitende Ärztliche Direktor des BKH; Professor Thomas Becker, hatte mit dem Direktor des Amtsgerichts, Walter Henle, den Kontakt geknüpft. Die Vernissage besuchten dann Künstler Lorz und Wohlwend gemeinsam mit einigen Patienten wie Elisabeth Reichhardt, Mario Mayer und Manfred Lohner. „Sie waren zufrieden und sichtlich stolz, als sie ihre ausgestellten Arbeiten entdeckten“, berichtet Wohlwend.  Lohner erzählte am Rande dem Redaktionsleiter der Günzburger Zeitung, Till Hofmann, dass es neben den Medikamenten, Ärzten und Pflegern die Kunsttherapie gewesen sei, die ihm aus seinem Seelental geholfen habe. Der Augsburger war in einer psychischen Akutsituation nach Günzburg gekommen. „Noch heute besuche ich einmal pro Woche das Offene Atelier und nehme einmal pro Woche an der Analytischen Kunsttherapie teil“, teilte er mit. Eine von Lohners Arbeiten ist in einem seitlichen Flur zu sehen: Es steht zwar „Ohne Titel“ darunter. Der Erschaffer selbst nennt sie „Bunter Vogel in der Welt“ - eine Figur, an der er drei Monate gearbeitet hat. Den Kern bilden aufgeklebte Papierfetzen, die er immer wieder übermalt hat. 

Neben den künstlerischen Arbeiten von Patienten aus dem BKH werden im örtlichen Amtsgericht auch Werke gezeigt, die im Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg entstanden sind. Außerdem kann noch bis Jahresende eine Schau der Günzburger Künstlergruppe Off Art besichtigt werden. Insgesamt haben Interessierte die Möglichkeit, gleichzeitig drei Kunstausstellungen mit etwa 150 Bildern und Werken zu sehen – und das nicht in einer Stadthalle oder in einem Kunsthaus, sondern im Amtsgerichts-Gebäude.

Die Öffnungszeiten des Günzburger Amtsgerichts sind Montag bis Donnerstag, jeweils 8 bis 12 und 13 bis 15 Uhr; Freitag 8 bis 12 Uhr.