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Das BKH Memmingen braucht eine dritte Station

Vor 25 Jahren wurde das „Memminger Modell“ von einigen Skeptikern noch als Wagnis und Risiko bezeichnet. Heute, ein Vierteljahrhundert später, steht fest: Die Integration einer psychiatrischen Klinik in ein Allgemeinkrankenhaus funktioniert und hat sich bewährt. Das war die wichtigste Botschaft des Festakts anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Bezirkskrankenhauses (BKH) Memmingen. „Dank der sehr guten Kooperation und Kommunikation vieler Ebenen und Institutionen in der Memminger Stadtgesellschaft haben vor allem jene Menschen profitiert, denen wir letztlich verpflichtet sind: unsere Patientinnen und Patienten“, sagte Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben.

In der Maustadt werden seit zweieinhalb Jahrzehnten psychisch Kranke unter demselben Dach behandelt wie körperlich Kranke. Im Schnitt sind es 4400 Patientinnen und Patienten pro Jahr. Wie Düll betonte, trägt dieses „Memminger Modell“ dazu bei, vorhandene Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen und der Psychiatrie an sich abzubauen. „Nichts kann mehr zu einer Verringerung der Vorurteile beitragen, wie die Integration der Psychiatrie in die allgemeine medizinische Versorgung. Memmingen war dafür Vorreiter in Schwaben“, so der Vorstandsvorsitzende.

Darauf wies auch Bezirkstagspräsident Martin Sailer, zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der Bezirkskliniken, hin. Damals habe es in Bayern mit Ingolstadt nur einen Standort gegeben, an dem sich eine psychiatrische und eine allgemeinmedizinische Klinik unter einem Dach befanden. Vor 25 Jahren sei dann auch in Memmingen ein „Ort für Leib und Seele“ entstanden. Dass er mit Stadt und Bezirk/Bezirkskliniken „zwei völlig verschiedene Träger“ zusammenführe, sei für Patienten und Behandelnde nicht zu bemerken, betonte der Ärztliche Direktor des Memminger Klinikums, Prof. Dr. Albrecht Pfeiffer. Von der guten Zusammenarbeit profitierten beide Seiten, so Pfeiffer: hier die Psychiatrie dank schneller diagnostischer Möglichkeiten; dort die somatischen Fächer, die wüssten, Psychiater jederzeit in Rufbereitschaft zu haben. „Das  Modell ist bestens gelungen. Dazu haben die handelnden Personen, die dahinter stehen, beigetragen“, lobte der Ärztliche Direktor und nannte namentlich seinen Chefarzt-Kollegen vom BKH, Dr. Andreas Küthmann mit dessen Team. Gerade bei der Versorgung von Menschen mit Krebserkrankungen und von Patienten auf der Palliativstation leiste das BKH-Team einen  wertvollen Beitrag.

Wie Bezirkstagspräsident Sailer zudem bemerkte, habe der Bezirk das Konzept der Einhäusigkeit nach Memmingen noch in Donauwörth und Kempten realisieren können. „Das Angebot mehrerer medizinischer Disziplinen unter einem Dach ist mittlerweile wegweisend“, so Sailer. Der Gemeindepsychiatrische Verbund (GPV) vor Ort präsentiere sich überaus aktiv. Außerdem entstand in der Region ein Netzwerk für Gerontopsychiatrie, das wie viele andere außerklinische Angebote das klinische Setting sinnvoll ergänze, so der Bezirkstagspräsident.  

Oberbürgermeister Manfred Schilder bezeichnete das BKH Memmingen als „Kompetenzzentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in der Region Memmingen und dem Unterallgäu“. „Die Patienten erreichen hier einen hohen integrativen Behandlungsstandard“, so Schilder. Die Tatsachen, dass immer mehr Menschen unter dem größer werdenden Stress in der Gesellschaft leiden und die Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen grundsätzlich steige, unterstreichen laut OB, welch wichtige Aufgabe dem BKH  zukommt.

Die Mitarbeiter des BKH begleiten die Patienten nicht nur in der Akutphase, sondern, wenn nötig, auch über die stationäre Behandlung hinaus. Diese „Idee der therapeutischen Beziehung und Kontinuität“ sei von Anfang an das Ziel gewesen, erläuterte Pflegedirektor Bernhard Schuster. So wird es bis heute gemacht. Hilfesuchende bleiben also von der Aufnahme bis zur Entlassung (und darüber hinaus) derselben Bezugsperson zugeordnet. Die Dezentralisierung sei die politische Leitidee gewesen. „Es ging darum, die Psychiatrie zu den Menschen zu bringen“, so Schuster. Damals hätten Patienten zwischen 70 und 80 Kilometer weit fahren müssen, um eine psychiatrische Behandlung zu bekommen. Heute seien es in der Regel nur noch 10,15, maximal 20 Kilometer, so Schuster.

Ärztlicher Direktor Dr. Küthmann blickte in die Zukunft. Es gelte, die Möglichkeiten von internetgestützter Therapie, Apps und künstlicher Intelligenz zu erkennen und zu nützen. Entscheidend in der Therapie sei jedoch die Konzentration auf den Menschen. Angesichts der Zunahme an Formalismus und Dokumentationsaufwand dürfe man nie die persönliche, subjektive Begegnung mit dem Patienten aus den Augen verlieren, so Dr  Küthmann. „Das ist das Wesentliche, auf das wir uns konzentrieren müssen, nicht auf den Schreibkram.“

Momentan hat das BKH Memmingen 92 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zwei Stationen mit 40 Betten und zwölf Plätzen in der Tagesklinik betreuen. Es sei kein Geheimnis, so Vorstandsvorsitzender Düll, „dass wir dringend eine dritte Station brauchen“. Nicht zuletzt deshalb, weil das BKH häufig überbelegt ist, werde dieser Bedarf inzwischen auch offiziell vom Krankenhausplanungsausschuss des Freistaates bestandsmäßig anerkannt. In diesem Zusammenhang hoffe und wünsche er sich, dass der Ausbau des Klinikums – wie auch immer – zügig vorangetrieben wird, sagte Düll.